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  • Mattis Bischoff

Die Auswirkungen der Körperhaltung auf Rückenschmerzen

Aktualisiert: 3. Nov.

Rückenschmerzen sind global gesehen der Hauptgrund für funktionelle Einschränkung (Hoy et al., 2013). Nahezu jede Person erlebt mindestens eine Phase, in der Rückenschmerzen präsent sind. Bis zu ein Viertel der betroffenen Personen müssen eine längere Zeit damit ausharren; in der Medizin ist von einer Chronifizierung die Rede. Dieser Beitrag soll den Zusammenhang zwischen (Rücken-)schmerzen und Körperhaltung darlegen.


Der Gedanke, dass eine „gute“ Haltung protektiv gegenüber Schmerzen oder degenerativen Erkrankungen wirkt, ist weit verbreitet. Damit assoziiert wird überwiegend eine Körperhaltung mit zurückgezogenen Schulterblättern, gerade ausgerichteter Wirbelsäule und „langem Hals“. Doch nicht nur bei statischen Positionen, sondern auch bei Aktivitäten und Bewegungen geht der Gedanke einer optimalen Haltung einher. Als Beispiel dient das altbekannte Heben, das „rückengerecht“ stattfinden soll: Aus den Beinen soll der Gegenstand mit möglichst gerader Wirbelsäule angehoben werden.


Demgegenüber wird gemeinhin von einer „schlechten“ Haltung abgeraten. Der Großteil der befragten Physiotherapeuten einer Untersuchung vertritt diese Meinung (Nolan et al., 2019), genau wie Personen mit und ohne Rückenbeschwerden (O’Sullivan et al., 2013).


Überraschenderweise existieren trotz dieser Behauptungen keine starken Zusammenhänge zwischen Rückenschmerzen und Körperhaltung. Im Gegenteil: Mehrere Untersuchungen weisen auf, dass ergonomische Interventionen Rückenschmerzen weder zukünftig vermeiden noch akut verbessern können (Driessen et al., 2013). An dieser Stelle soll aufgezeigt werden, wie Körperhaltung (unberechtigterweise) über die Jahre hinweg relevant für die Gesundheit wurde.


Geschichte der Haltung

Bereits im 15. Jahrhundert wurden im flämischen Militär gewisse Formationen eingeübt, die unter anderem mit einer geraden Körperhaltung abgehalten werden sollten. Diese Positionierung sollte nicht nur den Umgang mit diversen Waffen verbessern, sondern auch einen gewöhnlichen Mann in einen Soldaten transformieren. Den Übergang in den zivilen Alltag schaffte die gerade Körperhaltung über die nächsten Jahrhunderte: Zuerst als Zeichen des Wohlstandes und im 19. Jahrhundert schließlich durch schwedische Gymnastik und deutsche Krankengymnastik – der medizinische Bezug war geschaffen. Auch in „Orthopädie“ steckt der gerade Verweis im Wort; genau wie im Symbol der Orthopädie und Traumatologie.


Abb. 1: Andrys Bäumchen (Langenhorn).

Noch dazu wurde der Übergang in den zivilen Alltag durch die damals gängige, sehr steife und formelle Mode begünstigt.


Mit der Zeit etablierten sich auch soziale Merkmale, die mit gewissen Körperhaltungen verknüpft wurden. Stellenweise wird auch heute noch eine „schlechte“ Haltung mit linkischen und faulen Attributen in Einklang gebracht oder mit fehlender Disziplin verbunden. Ihren Höhepunkt aber hatten diese Vorstellungen im 20. Jahrhundert, als damit sowohl von Faschisten als auch von Kommunisten Propaganda betrieben wurde.

Abb. 2: kommunistische Propaganda (chineseposters).

Abb. 3: Propaganda zur Zeit des Nationalsozialismus (dhm & Spiegel).

In der heutigen Zeit ist die Öffentlichkeit nicht mehr darum bemüht, sich ausschließlich in gerader, akkurater Körperhaltung zu präsentieren.

Abb. 4: Obama präsentiert sich in entspannter Haltung (Flickr).

Dennoch persistieren nach wie vor medizinische Vorstellungen von gesunder Haltung: Im Internet findet sich zu den Schlagwörtern „Haltung verbessern“ vom „Handynacken“ bis zu Haltungsgurten sowohl der Schuldträger als auch die Lösung. Aber auch dazu existiert kein wissenschaftliches Fundament.


Haltung als Risikofaktor für Schmerzen?

Dass ergonomische Veränderungen am Arbeitsplatz nicht sonderlich wirksam sind, erklärt folgender Umstand: Verschiedene Reviews und Querschnittsstudien (O’Sullivan et al., 2011; Laird et al., 2014; Smith et al., 2017; Swain et al., 2020) haben die Körperhaltung von Menschen im Stand und im Sitz untersucht – dabei auch vermeintlich suboptimale Positionierungen wie das Hohlkreuz oder eingerundetes Sitzen. Unabhängig davon, wie eine Person den Großteil ihrer Zeit verbringt, scheint die Positionierung bestenfalls eine schwache Vorhersagevariable für künftige Rückenschmerzen zu sein.


Im Laufe des Lebens übernehmen Menschen eine Vielzahl an Körperhaltungen, von denen keine einzige protektiv gegenüber Rückenschmerzen wirkt. Ein viel stärkerer Zusammenhang ist zwischen körperlicher Aktivität und Schmerzen zu sehen: Personen, die die Richtlinien der WHO zu körperlicher Aktivität erfüllen, verringern damit sowohl ihr Risiko (chronische) Schmerzen zu erleiden als auch die wahrgenommene Intensität des Schmerzes (Ray et al., 2022).


Rundes Heben als Rückenkiller?

Auch hier ist das allgegenwärtige Dogma obsolet: Ein systematisches Review zeigt auf, dass rundes Heben weder mit Rückenschmerzen assoziiert noch dahingehend ein Risikofaktor ist. Zudem tendieren Personen dazu, welche körperliche Arbeit verrichten, vermehrt Dinge mit gebeugter Haltung bzw. aus dem Rücken aufzuheben. Im Gegensatz dazu hebt dieselbe Personengruppe mit Rückenschmerzen Gegenstände vermehrt aus den Beinen bzw. mit geradem Rücken auf. Sobald sich die Symptome bessern, wird anstelle des protektiven Hebens aus den Beinen wieder vermehrt der Rücken genutzt (Wernli et al., 2020).


Biomechanische Untersuchungen stützen diese Erkenntnisse, da rundes Heben weniger Kompression der Wirbelsäule (von Arx et al., 2021) und geringere Scherkräfte um den fünften Lendenwirbelkörper und den ersten Sakralwirbel (Arjmand et al., 2005) erzeugt als ein beinbetontes Heben.


Fazit

Bis heute fehlen Hinweise darauf, dass eine einzige „korrekte“ Haltung existiert. Die Wirbelsäule eines jeden Menschen hat unterschiedliche Formen und Größen, was sich in individuellen Körperhaltungen widerspiegelt. Dazu kommt, dass sich die aktuelle Gemütslage auf die Körperhaltung auswirkt (Richards et al., 2016) und sich Haltung umso mehr zu einem dynamischen Konstrukt herausbildet. Relevant ist folglich, die Haltung an aktuelle Umstände und Anforderungen anzupassen und rigide Positionierungen über einen langen Zeitraum zu vermeiden.

Augenmerk sollte eher auf Aspekte gelegt werden, die Menschen nachweislich anfälliger für Rückenschmerzen machen: Erschöpfung, mangelnder Schlaf, übermäßiger Stress und geringe körperliche Aktivität.


Bei bereits bestehenden Rückenschmerzen besteht eine geringe Chance (1-5%), dass die Rückenschmerzen einer Ursache unterliegen, die ärztlicher Abklärung bedarf. Insbesondere bei unspezifischen Rückenschmerzen können vermeintlich triviale Dinge, wie Bewegung und Entspannung oder die Aufrechterhaltung gesunder Schlafgewohnheiten und eines gesunden Körpergewichts deutliche Linderung verschaffen. Ausführlicher wird auf diesen Punkt am Ende dieses Beitrages eingegangen. Manchmal erfordert dies jedoch etwas Unterstützung und Coaching durch einen qualifizierten Therapeuten oder Arzt.

Beim Sitzen und beim Stehen sollte also der Fokus auf eine bequeme und entspannte Haltung gelegt werden. Auch beim Heben ist es in Ordnung, dies natürlich und unbewusst zu tun – auch mit rundem Rücken. Hier sollte eher darauf geachtet werden, dass die hebende Person stark und fit genug für die entsprechende Last ist.


angelehnt an den Beitrag von Peter O’Sullivan in theguardian.com und an Tom Jesson in medium.com

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